Ein neues Charisma?

Die Kommunikation mit dem Jenseits innerhalb der Gemeinschaft der Heiligen

=> MARIA HEUTE 386 INHALT

Immer häufiger begegnet man Botschaften von Personen, mit denen Seelen von Verstorbenen in Verbindung treten. Das ist kein neues Phänomen mehr. In letzter Zeit hat man jedoch den Eindruck, dass es sich immer weiter verbreitet und in allen Kreisen der Kirche vorkommt, bei Laien genauso wie bei Ordensleuten. Dies ist der Grund, warum wir uns mit diesem Phänomen näher befassen wollen.

Es geht hier nicht darum, über Spiritismus oder paranormale Phänomene zu sprechen, die mit einer echten christlichen Sicht nichts zu tun haben. Vielmehr geht es um eine ganze Reihe von Phänomenen, die stichhaltige Argumente aufweisen, so dass ihre Herkunft aus dem Jenseits glaubwürdig wird. Wir betrachten sie aus dem katholischen Blickwinkel der Gemeinschaft der Heiligen. Dies legt den Gedanken nahe, dass es sich um ein neues Charisma des Heiligen Geistes handelt.
Dieses Phänomen äußert sich auf unterschiedliche Weisen: Visionen und innere Einsprechungen der Seelen der Verstorbenen, verbunden mit Botschaften, die aufgeschrieben werden, oft einen tief geistigen Inhalt aufweisen und vollkommen mit der Lehre der katholischen Kirche übereinstimmen. Sie werden meistens von offenkundigen «Erkennungszeichen» begleitet: Details aus dem Leben der betreffenden Seele, als sie noch auf Erden lebte; Bemerkungen, die für enge Vertraute bestimmt und für diese oft ganz neu sind; Informationen, deren Richtigkeit sich im Nachhinein herausstellt. Dank solcher Botschaften und Offenbarungen sind viele Personen zu der Überzeugung gelangt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, haben sich bekehrt und konnten ihr tägliches geistliches Leben grundlegend verändern. Das kommt besonders bei Personen vor, die selbst mit einem konfrontiert sünd, vor allem wenn Eltern ein Kind verlieren.

Es handelt sich nur dann um ein Charisma, wenn das Phänomen von Gott stammt.

Viele maßgebliche Priester und Theologen sind davon überzeugt, dass wir es mit einem neuen Charisma zu tun haben. Andrerseits ist in all den Fällen, von denen hier die Rede sein wird, immer der unerlässliche Beistand und die geistliche Begleitung durch einen Priester gewährleistet.
Auch wenn es stimmt, dass eine Grenze die auf der Erde Lebenden von jenen trennt, die die Schwelle der Zeit und der Ewigkeit überschritten haben, hat die Kirche nie behauptet, dass es zwischen ihnen und uns keinerlei Beziehung oder Kontakt geben könne. Zu allen Zeiten hat es zahllose Erscheinungen von Toten im Leben der Heiligen, aber auch im Leben einfacher Gläubiger gegeben.
Zu diesem Thema sagt Thomas von Aquin folgendes:
«Es ist eine nachprüfbare Tatsache, dass die Toten den Lebenden auf irgendeine Weise erscheinen. Dies geschieht mit einer besonderen Erlaubnis Gottes, aufgrund derer die Seelen der Toten sich den Lebenden zeigen können. Es muss sich also um ein göttliches Wunder handeln. Oder aber solche Erscheinungen gehen auf das Eingreifen guter oder böser Engel zurück. Man muss sich also immer fragen, ob dieses Zeichen göttlichen oder satanischen Ursprungs ist. Das ist die wesentliche Frage, die man sich stellen muss, um ein Charisma zu erkennen. Es handelt sich nur dann um ein Charisma, wenn das Phänomen von Gott stammt.»
Was das automatische Schreiben durch ein Medium anlangt, so sind alle möglichen unklaren Ansichten, vorgefassten Meinungen und Ängste im Umlauf, die wir jetzt klären müssen…
Eine lange Erfahrung lehrt uns, dass bei der Benützung eines Mediums (automatisches Schreiben oder anderes) mit dem Ziel, eine
Verbindung zum Jenseits herzustellen, oft negative und finstere «eschatologische Wesen» in Erscheinung treten. Es kann sich auch um auffällige Geister handeln, die einen zum Narren halten, oder aber um böse menschliche Geister, die dem menschlichen Körper entflohen sind.

Ein Handeln, das im Widerspruch zur religiösen Tugend steht

Deshalb hat die katholische Kirche die Gläubigen immer auf dieses Thema hingewiesen. 1992 hat die Internationale theologische Kommission mit Erlaubnis von Kardinal Ratzinger ein Dokument veröffentlicht, das erläutert, was das II. Vatikanische Konzil unter dem Begriff «Beschwörung» verstand: «Jegliche Methode, durch die man mit menschlichen Mitteln versucht, eine fühlbare Verbindung mit den von uns getrennten Geistern und Seelen herzustellen, um verschiedene Informationen oder Hilfen zu erlangen.» Die Beschwörung von Geistern und Seelen wird also genauso verurteilt wie die Absicht, Informationen und Hilfen zu erlangen, die menschlich gesehen unmöglich sind.
Wenn diese Beschwörung beabsichtigt wird, setzt sie bei dem, der diese Absicht verfolgt, eine Haltung der Eitelkeit, des Hochmutes, des Machtstrebens und des Herrschaftswillens gegenüber demjenigen voraus, den man in einer bestimmten Absicht beschwört und herausfordert. Es handelt sich in gewisser Weise um eine Kraft, die man auf Seelen und Geister des Jenseits ausübt oder behauptet auszuüben. Der Theologe Pater Guido Sommavilla weist darauf hin, dass «der magische Charakter möglicher Kontakte mit dem Jenseits verurteilt wird, sei er nun wirklich oder vermutet.” Unter «magisch» versteht man eine Beziehung, in der Macht und Einfluss ausgeübt wird mit dem Ziel, diese Beziehung zwischen Menschen auf der Erde und überirdischen oder übernatürlichen Mächten herzustellen: mit Seelen, Geistern oder gar dämonischen und göttlichen Mächten. Dann entsteht auf beiden Seiten — hier wie im Jenseits — eine Art Interessenbündnis zwischen Partnern, das nichts mit dem biblischen Bündnis der Liebe, der Gerechtigkeit und der Sittlichkeit zu tun hat. Der Mensch gibt, um etwas zu erhalten, und auf der anderen Seite gibt etwas oder jemand aus dem Jenseits auch etwas — wenn dies nicht einfach aus seiner eigenen Initiative stammt.

Unterscheidung zwischen Beschwörung und Anrufung

Der Katechismus der katholischen Kirche sagt zu Wahrsagerei und Magie folgendes:«Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft “entschleiern”. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.
Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen — sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen — verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer.» (Katechismus der katholischen Kirche, 2116-2117)
Wenn sich jedoch eine Person mit der gebotenen religiösen Ehrfurcht in einer vertrauensvollen Haltung an Gott und seine Heiligen wendet, ohne Machtstreben und ohne Hochmut, dann fällt das nicht unter dieses Verbot. Denn dabei handelt es sich nicht mehr um eine Beschwörung und Anspruch, sondern um eine Anrufung und ein Bittgebet.
Man darf die Beschwörung nicht mit der Anrufung der Heiligen, der Seligen und der Verstorbenen verwechseln, von denen wir glauben und hoffen, dass sie in Gott leben. Die Anrufung gehört zum Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen; sie wurde von Anfang an von der Kirche empfohlen.

Unterscheidung zwischen einem absichtlich hervorgerufenen und einem von selbst aufgetretenen Phänomen

Man muss sich immer fragen, ob die Ereignisse oder Botschaften, die aus dem Jenseits zu kommen scheinen, aus dem Unbewussten, vom Teufel oder von Gott stammen, ob sie natürlich oder übernatürlich sind.
Die Anforderungen und die Normen für die Unterscheidung, die besonders wichtig ist, wenn es sich um das Jenseits handelt, werden vor allem in den Untersuchungsbüros für paranormale Phänomene im Vatikan erarbeitet und angewandt. Im allgemeinen unterscheidet man zwischen von selbst aufgetretenen und absichtlich hervorgerufenen paranormalen Phänomenen. Letztere sind negativ, weil sie einer Haltung der Selbstgefälligkeit entspringen, und sind besonders gefährlich. Wenn sie jedoch im Gegensatz dazu von selbst auftreten, ist es eine Bereicherung für den Menschen und eine Gabe Gottes. Wer diese Gabe erhält, hat die Aufgabe, sie in den Dienst Gottes und des Nächsten zu stellen. So wird sie zu einer heiligen Gabe und einem echten Charisma.
Hier legen wir einige Kriterien vor, mit denen man das Charisma vom «absichtlich hervorgerufenen» paranormalen Phänomen unterscheiden kann. Das Charisma tritt vor allem immer von selbst auf. Man betet und bittet um das Eingreifen Gottes, aber es hängt immer von Ihm ab. «Wir können das Handeln Gottes nicht herbeiführen», erklärt Pater Carlos Aldunate, Jesuit und Professor für paranormale Fragen an der Katholischen Universität von San Paolo. «Im Fall eines “absichtlich hervorgerufenen” Phänomens vollzieht man bewusst äußere Akte, die von einer inneren Vorbereitung ausgehen, um so das parapsychologische Phänomen auszulösen. Beim Charisma geht die Initiative von Gott aus (oder von dem, den Er sendet). Das ist auch dann der Fall, wenn diese Initiative auf demütige Anrufungen und Gebete zurückgeht. Im Gegensatz dazu geht bei einem rein parapsychologischen Fall die Initiative einzig und in Hochmut vom Menschen aus. Und da diese beiden Handlungsweisen unterschiedlich sind, sind es ihre Wirkungen ebenfalls. Das Charisma bringt auf kurze und lange Sicht gute Wirkungen hervor: Liebe zu den Brüdern, Bewusstsein eines einfachen Dienstes, Glaube und Vertrauen zu Gott, Hingabe an Ihn, selbstloses und uneigennütziges Handeln.» Wir fügen noch Bekehrungen und Trost für die Ehepartner hinzu, die noch auf Erden weilen.
Pater Aldunate fährt fort, dass «das absichtlich hervorgerufene parapsychologische Phänomen, im Gegenteil, auf kurze Sicht gute Wirkungen hervorbringt, dass die Wirkungen jedoch auf lange Sicht insgesamt gesehen gewöhnlich schlecht sind: Seelische Verausgabung und Unausgeglichenheit, Egozentrik, eine gewisse Geistesgestörtheit, Entfernung von allem tief Religiösen. Das absichtlich hervorgerufene Phänomen steht letztendlich in einem profanen Kontext und dient der menschlichen Befriedigung.»

Das Charisma der Gemeinschaft der Heiligen

Aber warum gibt es heute so viele Phänomene der Vermittlung göttlicher Botschaften, und dies vor allem durch inspiriertes Schreiben? Man könnte meinen, es handle sich um ein neues, ungewöhnliches Charisma, das in der Geschichte der Kirche und der Welt noch nie aufgetreten ist. Darauf kann man antworten, dass jede Zeit ihre Charismen hat, die es noch nie zuvor gegeben hat, und die zumindest in dieser genau bestimmten Form erstaunlich sind.
Der Heilige Geist ist eine unendliche und unerschöpfliche Quelle. Darüber hinaus ist es ja richtig, dass dieses Charisma, von dem wir hier sprechen und das noch keinen Namen hat — wir könnten es als «Charisma der Gemeinschaft der Heiligen» definieren — neu und noch nie da gewesen ist. Das Neue ist die Form des Schreibens, in der es sich zeigt. Vermutlich gibt es dieses Charisma seit Anfang der Kirche. Das betont Pater Gentile, ein hervorragender Spezialist für Spiritualität, insbesondere für Mystik und Charismen. Wie Pater Sommavila und viele andere begrüßt dieser Priester jene neue Ausdrucksform der Gemeinschaft der Heiligen positiv (in unserem Sinn). Es ist sehr wahrscheinlich, dass es dieses Charisma in der Kirche schon immer gegeben hat, dass es aber noch nicht untersucht worden ist. Denn wir wissen, dass diese Geistesgabe bei zahlreichen bedeutenden charismatischen Gestalten der Christenheit in Vergangenheit und Gegenwart aufgetreten ist. Unter anderen bei Katharina Emmerich, die in Form von Visionen und inneren Einsprechungen praktisch ständig in Beziehung mit den Seelen aus dem Fegefeuer und aus dem Paradies stand. Das gilt auch für die heilige Brigitta von Schweden, die in besonderer Weise die Gabe hatte, mit Seelen aus dem Himmel und dem Fegefeuer in Verbindung zu treten. Dasselbe erlebte auch Madre Espérance (+1983) sowie Natuzza Evolo, eine noch lebende Mystikerin.
Man muss auch bedenken, dass die Kultur der Massenmedien den Vorteil hat, uns immer breitere Bevölkerungsschichten vorzustellen und alle möglichen Informationen zu übermitteln, also auch jene, die mit besonderen Charismen des Hl. Geistes leben. So kommt es, dass eine Person mit einem solchen Charisma heutzutage vor Fernsehkameras steht, dass die Zeitungen über sie berichten, dass sie bei Radio- und Fernsehsendungen spricht usw. All das tut sie als Werkzeug Gottes, um die Seelen zum Herrn zu führen. Ein solches Charisma zieht also großen geisliche Segen und zahlreiche Bekehrungen nach sich.

(Fortsetzung folgt)
Marino Parodi

HOCH


Copyright © 1999 - 2009 - Alle Rechte vorbehalten für Text und Fotos
PARVIS-VERLAG - MARIA HEUTE - CH-1648 HAUTEVILLE / SCHWEIZ.
TEL.: 0041 (0)26 915 93 93 // FAX: 0041 (0)26 915 93 99 // E-MAIL buchhandlung@parvis.ch
HOMEPAGE PARVIS // ZEITSCHRIFT MARIA HEUTE