Die Schmerzensmutter von Maria Birnbaum

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In den späten unruhigen 60er Jahren nach dem Konzil gab es Stimmen, die aus dem Salve-Regina die Wendung vom Tal der Tränen tilgen wollten. Eine solche Aussage sei viel zu pessimistisch angesichts des Fortschritts, den wir (angeblich) rund um uns erleben! Nun, dieser realitätsblinde Optimismus, diese törichte Fortschrittsgläubigkeit ist längst zusammengebrochen, nicht erst nach dem furchtbaren 11. September 2001. Wir spüren und erfahren es tagtäglich, dieses «Tal der Tränen»! So ist es auch durchaus kein Wunder, daß unter den schier zahllosen Wallfahrtsorten diejenigen zur Schmerzensmutter, zur Mater Dolorosa, besonders zahlreich sind. Millionen leidgeprüfter Menschen sahen und sehen sich von derjenigen Frau, die tapfer unter dem Kreuz ausharrte und schließlich ihren toten Sohn einige Zeit auf ihrem Schoße barg, immer noch am besten verstanden.
So war es auch in jenem Jahrhundert, dem die Wallfahrt Maria Birnbaum entstammt! Der Dreißigjährige Krieg hatte ja unsagbares Leid über Deutschland gebracht. Das Gnadenbild dieser Wallfahrt war zunächst ein Andachtsbild der Bewohner des Schlosses Stunzberg auf dem nahegelegenen Weinberg. Im Zuge der Kriegshandlungen wurde das Schloß zerstört und — schlimmer — die nicht sehr große Pietà von schwedischen Soldaten achtlos weggeworfen! Gottlob fand es aber bald ein Hirte des Dorfes im «Jochmoos». Er bemühte sich, das demolierte Bildwerk einigermaßen zu reinigen und stellte es sodann in der Höhlung eines Birnbaumes auf. Von daher hat diese Wallfahrt ihren Namen. Daß sich hier sogleich Beter einfanden, ist verständlich in jener Notzeit. Aber es geschah nun auch schon bald eine erste wunderbare Heilung. Ein Bericht aus dem Jahre 1687 erzählt von einer Bürgerin von Meran/Tirol, die nach sieben Jahren Leidenszeit im Traum die Weisung erhielt, in das Bayernland zu gehen und ein Vesperbild in einem hohlen Birnbaum aufzusuchen. So kam sie, überall nachfragend, schließlich nach Sielenbach zu dem «alten hohlausgebrannten Birnbaum», wo sie nach dem Gebet zur Schmerzensmutter für sich und ihren 10 Jahre alten Buben Heilung fand. Man kann sich gut vorstellen, wie die Nachricht von diesem Wunder, das ernstzunehmende Zeitgenossen als echt bezeichneten, von Mund zu Mund ging und weit hinaus die Runde machte. Es war übrigens nicht das einzige als Wunder zu bezeichnende Geschehen; seit 1659 erfuhren Beter immer wieder Vergleichbares.
Somit nahm sich nun der damalige Komtur der nahen Deutschordenskommende Blumenthal, ein Adliger aus Württemberg namens Philipp Jakob von Kaltenthäl, des Marienbildes im Birnbaum an. 1661 wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen; Kaltenthal finanzierte ihn zunächst weitgehend selber. Und schon im Mai 1662 konte im noch unvollendeten Bau über einem Tragaltar die erste heilige Messe gefeiert werden! Bald stellte man einen Wallfahrtspriester an. Und am 8. Oktober 1663 gewährte Papst Alexander VII. (Fabio Chigi) einen vollkommenen Ablaß für das Hochfest vom 15. August. Eine solche Maßnahme aus Rom förderte damals eine Wallfahrt spürbar. Nach einigen unerfreulichen Spannungen mit dem bischöflichen Ordinariat in Freising bezüglich der Fianzierung weihte der Freisinger Weihbischof Kaspar Kühner 1668 das neue Marienheiligtum. Die Betreuung der Wallfahrer übernahmen anfangs Priester von Sielenbach, ab 1970 Deutschordenspriester. Und 1685 wurde die Bruderschaft zu den Sieben Schmerzen Mariae gegründet, der heute noch an die 2000 Mitglieder angehören.
Während viele andere Wallfahrten im 18. Jahrhundert eine Blütezeit erleben durften, ging hier die Wallfahrt wieder zurück. Mag sein, daß der Ungeist der «Aufklärung» daran mitschuldig war. Doch brachte das 1784 verspätet gefeierte hundertjährige Jubiläum wieder einen vorläufigen Aufschwung, der freilich nicht lange währte. Denn mit dem 1803 erfolgten Großraub der sogenannten Saekularisation war das Schicksal auch dieser Wallfährt besiegelt: Sie wurde einfach verboten! Allerdings zeigte sich auch hier wieder der «mündige Laie» (den es nicht erst seit dem 2. Vaticanum gibt!): Bauern der Umgebung trugen Sorge, daß das Mutter-Gottes-Heiligtum nicht, wie die Propagandisten der «Vernunftreligion» wollten, abgerissen wurde. Dann, als der Sturm sich gelegt hatte, kaufte die Gemeinde Sielenbach das Kirchengebäude. 1867 übernahmen Jünger des Heiligen von Assisi, in diesem Fall Kapuziner, die Wallfahrtsseelsorge. Doch 1984 wurden sie abgezogen infolge der allgemeinen Personalprobleme. Am 11.Oktober 1998 übernahm der Deutsche Orden wieder Wallfahrt und Kloster.
Das äußerlich ein wenig an russische Kirchen erinnernde Heiligtum liegt übrigens rund 25 km nordöstlich von Augsburg (Anfahrt über die Autobahn A8, Richtung München, Abfahrt Adelzhausen). Das Gotteshaus gilt in der bayrischen Barockarchitektur des 17. Jahrhunderts als herausragend, ja einmalig! Im Grundriß sind verschiedene Rundformen komponiert, die Mitte ist eine überkuppelte Rotunde mit lebensgroßen Apostelstatuen.Außer dem Hauptaltar gibt es noch nach vorn wie zur Rückseite (Orgelempore) je zwei Seitenaltäre. Der Stuck, der Wände wie Wölbung gleichmäßig und sparsam ziert, stammt von Mathias II.Schmutzer aus dem berühmten Wessobrunn. Der Hochaltar, geplant von Baumeister Pader,steht an der Ostseite (urchristliche Gebetsrichtung!); nur zwischenzeitlich war er mal im Westen untergebracht, damit er den dort befindlichen Birnbaum(rest) mit dem Gnadenbild umfaßte.Das Hochaltarbild zeigt eine Kreuzabnahme (1678). Im vergoldeten Reliquienschrein ruht seit 1897 der Leib der Martyrin Liberata, ein Geschenk der Salesianerinnen von Zangberg/Mühldorf. Unter dem Hochaltarbild sehen wir das von vier Reliquienschreinen umgebene Gnadenbild.Hände und Füße sind ergänzt worden; die Schweden hatten die Pietà 1632 ja verstümmelt! Die Seitenaltarbilder (Ostseite) zeigen die Verleihung der Wundmale an Franz von Assisi sowie die hl Elisabeth von Thüringen.Die Bilder der Seitenaltäre (Westseite) zeigen den hl Georg im Drachenkampf sowie die Martyrerin Barbara. Hingewiesen sei noch auf ein interessantes und in seiner Art wohl einmaliges Gemälde «Maria Immaculata» vom Ende des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine Kopie des Gnadenbildes im alten Freisinger Gymnasium. Eine für uns Heutige sicherlich allzu «weltliche» Darstellung der Gottesmutter, dem Zeitgeschmack aber entsprechend.
Im Kirchenfüher von Maria Birnbaum wird darauf hingewiesen, daß wir es hier bei dieser Bauidee mit «gemalten Sehfrüchten aus der italienischen Architektur» zu tun haben, wobei der «weitgereiste und architektonisch ausgebildete Bauherr Philipp Jakob von Kaltenthal als gebildeter Architekturdilettant» bestimmend war. Der Kenner süddeutscher Kirchenbauten mag sich hier auch ohne weiteres an die Karlskirche in Volders bei Hall/Tirol erinnert fühlen. Doch uns geht es weniger um Baukunst; vielmehr um die Botschaft des jeweiligen Wallfahrtsortes!
Und wer nun hier wie auch an anderen Marienwallfahrtsortenso eine eindrucksvolle Darstellung der Schmerzensmutter sieht, wie sie ihren nunmehr toten Sohn mit allerschlimmsten Marterspuren auf ihrem Schoß hält, der wird wohl unwillkürlich daran denken, daß wir vom «Leib Christi» auch im Blick auf die Kirche sprechen: corpus Christi mysticum! Und diese Kirche, dieser «Leib Christi», ist vielfältig verwundet, teils duch Verfolgungen,teils aber auch durch die Sünden allzu vieler, die sich Christen nennen! Und nicht zuletzt ist der «Leib Christi» durch Spaltungen zerrissen! Da sollten wir immer wieder das Gebet sprechen: 0 Maria, schmerzensreiche Jungfrau und Mutter aller Christen, bitte für uns, bitte um die Einheit der Kirche!
H.W. Reißner

HOCH


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