Die Wallfahrt Maria GernPilgerrastplatz im Berchtesgadener Land
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Das Marienheiligtum von Maria Gern zählt man wohl mit Recht zu den originellsten barocken Heiligtümern im Süden Deutschlands. Man sprach auch schon von der «schönsten Kirche des Berchtesgadener Landes»! Ihre Lage auf einem Hügel im Angesicht des eindrucksvollen Watzmannmassivs macht diese Wallfahrt auch für Touristen attraktiv. Zentrum von allem ist und bleibt allerdings das Gnadenbild der Gottesmutter! Es zeigt mütterliche Zuneigung, die sich auf das ganze Bau-Ensemble zu übertragen scheint, wobei das Zeltdach der Kirche übrigens unverkennbar ein Symbol für unsere irdische Pilgerschaft ist: Zelt statt festes Heim! Es existieren zweifellos nicht allzu viele Heiligtümer, die in solcher Weise schönste Landschaft, hohe Kunst und tiefen Glauben miteinander verbinden. Hier kann man durchaus von gelungener Harmonie sprechen. Und wer Zeichen für das Heilige sucht, kann hier, wie die Hochaltarinschrift besagt, viele finden.
Bis 1600 gab es in dieser Gegend keine nachweisbare Wallfahrt zur Mutter unseres Herrn. Jedoch bildeten sich beim Vordringen des Protestantismus im Zuge der katholischen Reform (früher sagte man Gegenreformation) zwei Wallfahrtsheiligtümer, die die damals stärker werdende Marienfrömmigkeit bezeugen. Das größere war mit der Pfarrkirche am Dürrnberg verbunden; das kleinere war eine Kapelle am Wege von Berchtesgaden in die «Vordergern». Votivtafeln besagen, daß hier eine thronende Madonna verehrt wurde, die heute Privatbesitz ist. Maria trägt hier das Jesuskind mit der Erdkugel; sie selbst ist gekrönt und hält in ihrer Rechten ein Zepter. Gemäß der uralten Lunartheologie stehen ihre Füße auf einer Mondsichel. Anzusetzen ist diese Figur noch vor 1600. Ein «Frauenbründl», dessen Wasser man Heilkraft zuschrieb, war in der Nähe.
Die zunächst bescheidene Wallfahrt entwicklte sich erst durch die geschnitzte Marienstatue, die ein gebürtiger «Gerer» namens Wolfgang Hueber 1666 in seine Heimat mitbrachte. Und auf seinen Wunsch hin errichteten ca 1669 die beiden Priester Johann Georg von Leoprechting und Thomas Khössler eine kleine Kapelle auf dem «Reitbichl unterhalb des Seidenlehens». Das war noch ein höchst bescheidener Rundbau, zwar gemauert, aber mit hölzernem Walmdach. Bald schon und dann vor allem nach dem Dreißigjährigen Kriege kamen mehr und mehr Wallfahrer; die marianische Frömmigkeit blühte ja um diese Zeit stark wieder auf. Und so schritt man 1680 zum Bau einer Kirche. Zugleich entstand eine Eremitage für die Einsiedler, welche bis 1773 diese Wallfahrt betreuten. Die beständig wachsende Zahl von Wallfahrern, ein Umstand, der übrigens auch die Einnahmen steigerte, schob die Bedenken gegen einen aufwendigen Neubau beiseite; immerhin war es ja die Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges! Finanziert wurde der Neubau vor allem durch Spenden. Und die Initiative zu diesem Bau ergriff Heinrich Maximilian von Hohenberndorf und Wildthurn mit seiner Familie. Er setzte darum später auch sein Wappen an die Orgelempore. Die Bauarbeiten währten bis 1710. Ein Meister aus Salzburg schuf die Stukkaturen; den Marienzyklus an der Decke gestaltete ein Maler-Laienbruder. Ein Gemeinschaftswerk Berchtesgadener Künstler ist der Hochaltar aus Nußbaumholz.
Die recht seltene Baugestalt zeigt eine Längsellipse, an die nach Norden hin ein eigener Altarraum gesetzt ist, während wir an der Südseite eine Vorhalle mit darüber befindlicher Orgel haben. Ein prächtiges schmiedeeisernes Gitter trennt Vorhalle und Hauptraum.
Der Blick des Eintretenden geht unmittelbar zum Hochaltar, den an der gerundeten Rückwand noch zwei Marienbilder flankieren. Der dunkel gehaltene untere Teil der Rückwand betont optisch besonders die Hochaltarkomposition. Zwei gerade und zwei übereck gestellte Säulen rahmen den eigentlichen Altarbau ein. Das Gnadenbild in der Mitte wird von zwei Engeln getragen. Das Gnadenbild Mutter und Kind sind gekrönt; das Kind will offenbar schon laufen; und Maria trägt über ihrem roten Gewand noch einen grünen Umhang wird je nach der Kirchenjahrszeit mit unterschiedlichen Barockgewändern überkleidet. Es sind hier 24 solcher Prunkkleider in Gebrauch; sie entfallen nur in der Advents- und Fastenzeit, was dem künstlerischen Ausdruck der Figur ganz sicher guttut. Das Chronogramm in der Kartusche Über der Statue verrät: «eCCe DeIpara thaUMatUrga perpetUa» (= Seht die Gottesgebärerin, immerwährende Wundertäterin) und ergibt als Jahr der Fertigung des Altares 1716 (Die Großbuchstaben zeigen die Jahreszahl).
Daß übrigens das Gnadenbild von zwei Engeln getragen wird, ist sicher nicht bloßer Schmuck: Ist Maria doch auch die Königin der Engel! Vor dem Hochaltar steht inzwischen vom letzten Konzil zwar erlaubt, aber keineswegs geboten! ein Volksaltar. Er fügt sich aber gut ins Gesamtbild des Raumes ein. Die eingangs erwähnte Hochaltarinschrift lautet in vollem Text: «Wer zu mir kombet in die Gern, dem will ich seine Bitt erhörn. Ein Muetter ich mich zeigen will; der Zeichen suecht, hier findt er vill!»
Die Seitenaltäre, ein Kreuzaltar links und ein Josephsaltar zur Rechten, mögen «von unterschiedlicher Qualität» sein. Und da sie auch baulich wirkliche «Seitenaltäre» sind, treten sie ganz zurück und entsprechen so dem Liturgieverständnis des 2. Vaticanum. Der Kreuzaltar von 1737 zeigt eine Kreuzigung in spätbarocker Manier. Die Mutter Jesu ist zusammengebrochen und wird von Johannes aufgefangen (also kein «stabat mater»). Zwei Engel fangen in Kelchen das Erlöserblut aus den Handwunden auf. Ovalbilder an den beiden Seiten erinnern an die Ölbergsnacht (Heilige Stunde!) sowie an den Kreuzweg. Der Josephsaltar läßt uns dem Nährvater mit dem göttlichen Kinde begegnen, wobei ein Engel ihn mit einem Blütenkranz krönt und andere Engel ihn umspielen. Auf den beiden ovalen Seitenbildern sehen wir den Engel, der Joseph im Traum über seinen Auftrag belehrt; und rechts schauen wir Mariae Verlobung mit Joseph.
Dieses Gottes- und Marienheiligtum bildet zusammen mit der einstigen Eremiten- und Mesnerbehausung sowie mit der ehemaligen Schule eine durchaus geschlossen wirkende Baugruppierung. Eine goße Freitreppe bildet den festlichen Aufgang zur Kirche. Das schon erwähnte Zeltdach mag uns daran erinnern, daß wir «Pilger und Fremdlinge» in dieser Welt sind, daß wir «hier keine bleibende Stätte haben, sondern die zukünftige suchen» (1. P. 2,11 und Hb. 13,14). Bis Gott uns abberuft, sind wir immer auf dem Wege
Draußen vor der Kirche, genauer vor dem Turm es ist übrigens nicht ganz der ursprüngliche steht eine Votivsäule von 1719. Und unterhalb der Freitreppe haben wir rechts eine Ölbergkapelle von 1710 vor uns, deren bäuerlich wirkende Personengruppe 1984 erneuert wurde.
Erwähnt sei noch in der Nische des einst zweiten Kirchenausganges die Jahreskrippe, deren Figuren aus der Rokokozeit der Beachtung und Betrachtung wert sind.
Ehe wir dieses Marlenheiligtum wieder verlassen, sollten wir uns noch einmal umschauen. Denn der Stern über dem Zeltdach mahnt ja, unseren Pilgerstand keinesfalls zu vergessen: Das himmlische Licht führt uns gerade durch die dunkelsten Stunden unseres Erdenlebens! Und daß wir hier die Mutter Gottes mit ihrem göttlichen Sohn gekrönt sahen die Kronen stammen von 1759 kann uns in den Wirrnissen unserer Zeit, den politischen wie den kirchlichen und kumenischen, trösten. Denn die letzte Macht liegt nicht in Menschenhänden
Oder um den großen Dichter und Propheten (war er das nicht?) Leon Bloy ( 1917) zu zitieren: «Alles ist unverständlich ohne SIE», die Mutter Gottes. Das erleben wir, wenn wir nur wollen, auch in Maria Gern.
Hanswerner Reissner
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