«Jesus war erstaunt über ihn» (Lk 7, 9)
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Das heilige Evangelium berichtet uns die erbauliche Episode von der Heilung des Dieners eines Hauptmanns, dessen großer Glaube uns von Jesus als beispielhaft
hingestellt wird. Wir haben hier eine wundervolle Lehre, die uns hilft, auf dem Weg der Heiligkeit näher zu Gott zu gelangen.
Nehmen wir diesen Bericht aus dem Lukasevangelium (7, 1-10). Zunächst sehen wir, wie Jesus nach Kapharnaum kommt. Seine Jünger und eine große Menschenschar folgen ihm (V. 9). Sieht man von den Neugierigen ab, so halten alle Jesus für einen Mann Gottes, der eine außergewöhnliche Macht und Weisheit besitzt. Manche sehen in ihm einen Propheten oder den Messias Israels. Sie glauben an Jesus, aber sie haben nicht völlig verstanden, wer er in Wahrheit ist. Unter ihnen ist auch ein Heide, ein Hauptmann, der ebenfalls an ihn glaubt. Er glaubt an Jesus und sein Glaube scheint grenzenlos zu sein. Dieser Mann ist zunächst ein Mensch, der liebt. Er «hatte einen Diener, der todkrank war und den er sehr schätzte» (V.3). «Er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut» (V. 5). Dieser Mann ist ein Gerechter. Er liebt das Volk Gottes und die Menschen Gottes lieben ihn (V. 3.4). Die Liebe ist ein Gesetz, das dem Menschen mit seiner Erschaffung eingeschrieben wurde. Im Herzen des Menschen ist ein Naturgesetz.
Durch die Sünde wurde dieses Gesetz gebrochen, entstellt. Deshalb hat Gott die Gebote der Liebe gegeben; sie sind die ersten Gebote: Gott über alles zu lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst (vgl. Mt 22, 37-39). Der Hauptmann liebt Gott. Er hatte die Synagoge erbauen lassen, um ihn zu ehren und damit die Menschen einen heiligen Ort hätten, um zu ihm zu beten und ihm zu begegnen. Die Taten des Hauptmanns sind ein sichtbarer Beweis seiner Liebe zu Gott und den Menschen, auch zu den kleinsten, den schwächsten, den Sklaven
Die Liebe zu Gott impliziert den Glauben. Der Glaube ist Liebe zu Gott. Man liebt das, woran man hängt. Durch den Glauben lieben wir Gott, den wir nicht sehen und wir lieben den Nächsten, der das sichtbare Bild Gottes ist. Die Tat des Hauptmanns wird von seiner Liebe motiviert. Weil er liebt, will er, daß sein Diener (V. 7), geheilt wird. Und er sucht seine Zuflucht bei Jesus. Nach allem, was man ihm erzählt hat, weiß er, daß Jesus ein Gesandter Gottes ist, ja, daß er sogar der Erwählte Gottes ist und er nennt ihn «Herr» (Kyrios, V. 6). Er spricht ihm wie die Christen dieselbe Hoheit zu wie Jahwe, wie Gott. Ja, der Hauptmann glaubt mit seinem ganzen Herzen an Jesus. Er wollte ihm sicher begegnen. Aber er ist ein sehr demütiger Mensch. Er läßt ihm durch Freunde ausrichten: «Herr, bemüh dich nicht! Denn ich bin es nicht wert, daß du mein Haus betrittst. Deshalb habe ich mich auch nicht für würdig gehalten, selbst zu dir zu kommen. Sprich nur ein Wort, dann muß mein Diener gesund werden.» (V. 6.7)(1) Das ist die authentische Vorgangsweise für jeden Christen: demütig sein, sich unwürdig fühlen, ein Sünder vor Gott und vor den Menschen sein. Man muß sich immer mehr erniedrigen der Herr erhebt uns. Manche halten sich für gerecht. Andere sind der Ansicht, daß sie die Kirche nicht brauchen, um Gottes Vergebung zu empfangen. Sie machen sich ihre eigenen Gesetze und meinen, sich allein oder fast allein zu retten. Aber durch ihren Hochmut irren sie nur noch weiter ab. Das Verhalten des Hauptmanns erteilt uns allen eine Lektion. Wir brauchen einander. Wir brauchen die Kirche, wir brauchen unsere Brüder und Schwestern. Verneigen wir uns zu unserer zeitlichen und ewigen Glückseligkeit vor dem Herrn; erkennen wir an, daß wir unwürdig sind und bringen wir unsere inständigen Fürbitten mit einem unerschütterlichen Glauben vor ihn.
MDer Hauptmann ist ein Mann des Gebetes. Er betet mit seinem ganzen Herzen und voller Glauben zu Gott (V. 3.6.7.8). Gleichwohl fühlt er sich wirklich unwürdig und nimmt seinen Weg über Fürsprecher. Zunächst kommen die Ältesten der Juden und bitten Jesus, damit das Gebet des Hauptmanns erhört werde (V. 3). Und diese Bittsteller «baten ihn (Jesus) inständig» (V. 4). Sie insistieren bei Jesus und halten sogar eine Lobrede auf den Hauptmann, indem sie sagen, er habe es verdient, daß seine Bitte erhört werde (V. 4). Auch diese Männer glauben an Jesus und sind der Überzeugung, daß er die Macht hat, dem Diener des Hauptmanns die Gnade der Heilung zu schenken. Die Männer, «die Ältesten» (presbyteros, griech. daher kommt das Wort «Priester») sind ein Vorausbild der Kirche. Die Kirche tritt fürbittend für die Menschen ein. Sie ist das Werkzeug, durch das Gott große Gnaden gewährt, die nirgendwo ihresgleichen haben. Durch die Kirche und in der Kirche schenkt sich Gott in seiner ganzen Fülle. Der Herr ist mit ihr; er ist mit ihr vereint. Aufgrund der nachdrücklichen Bitte der Ältesten macht sich der Herr mit ihnen auf den Weg, um die erbetene Gnade zu schenken. Die Demut des Hauptmanns, der erfahren hat, daß der Herr zu ihm kommt, läßt ihn neuerlich Vermittler, Boten, seine Freunde schicken (V. 6), damit Jesus durch ein Wort seine Bitte erhört. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, hebt der Hauptmann, der sich als einen Befehlsempfänger hinstellt, die Tatsache hervor, daß seine Soldaten seinen schlichten Worten gehorchen. Vor allen Menschen zeigt er, daß er Jesus vertraut, an ihn glaubt und weiß, daß alles auf sein Wort gehorcht. Wahrlich, dieser Hauptmann erteilt durch sein Glaubensbekenntnis vielen eine Lektion. Er zeigt uns, daß Glaube und Demut in Liebe Wunder bewirken. Er hilft uns, noch besser zu entdecken, wie unerhört wichtig es ist, Fürsprecher einzubeziehen. Die Fürsprecher der Kirche, alle unsere Brüder und Schwestern in Gott, sowie die Fürsprecher im Himmel, die durch ihre Nähe zum Herrn, den sie bereits schauen, große Macht haben.
Wenn wir diesen Abschnitt lesen, kommt uns eine Frage in den Sinn: Wie kommt es, daß der Herr, der doch alles weiß, über einen Menschen erstaunt ist, oder wörtlich übersetzt einen Menschen bewundert? Ja, Jesus bewundert den Glauben dieses Hauptmanns, dieses bekehrten Heiden, er ist darüber erstaunt. Jesus ist Mensch und Gott. Es ist daher normal, daß er, der Allmächtige, erstaunt ist. Er ist erstaunt wie ein Wissenschaftler über ein kosmisches Ereignis erstaunt sein kann, das zu einem bestimmten Zeitpunkt eintritt. Was prophetisch vorhergesehen wurde und dann eintritt, ruft sogar die Bewunderung des Menschen hervor, der aus eigener Kraft und mit der Hilfe Gottes fähig wäre, das Eingetretene zu begreifen. Die Freiheit, die Gott dem Menschen geschenkt hat, ist für Gott unendlich wertvoll. Sie verleiht den Akten der Frömmigkeit, der Liebe, des Glaubens, die freiwillig vollzogen werden, ihren ganzen Wert. Diese Freiheit, die Gott zugewandt ist, ja, die «in» ihm gelebt wird, verherrlicht Gott. Das ist der Grund, warum auch Jesus den beispielhaften Glauben dieses Hauptmanns bewundert, der, obwohl er nicht zum auserwählten Volk gehört, dennoch fähig ist, ein Glaubenszeugnis zu geben, das für alle Menschen ein Zeichen, ein Bezugspunkt ist. Der Hauptmann ist seinem Herzen nach ein Christ und nach diesem Ereignis ist er es sicher auch äußerlich geworden. Jesus bewundert diesen Hauptmann und sagt zu allen: «Ich sage euch: Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden» (V. 9). Jesus zeigt uns hier ein strahlendes Beispiel, ein Vorbild für die Gläubigen. Dieser Mann ist demütig, gläubig und er nimmt Fürsprecher zu Hilfe, um zum Herrn zu gehen. Das gefällt Gott, der möchte, daß die Gemeinschaft der Heiligen lebendig, aktiv und eins sei. Wir sollen daher gewiß unmittelbar, aber auch durch Fürsprecher zu Gott beten3. Das Beispiel, das er uns hier gibt, ist eine ganze Pädagogik. Ja, wir sollen füreinander beten und auch zu den Heiligen des Himmels beten, besonders zu jenen, die Gottes Herzen am nächsten stehen. Die Muttergottes steht am höchsten. Und es gibt all die Heiligen. Beten wir voll Glauben zu ihnen, nicht um ihretwillen das wäre Götzendienst, sondern damit uns Gott aufgrund ihres inständigen Flehens erhört. Haben wir keine Angst, alle Heiligen zu mobilisieren, um unser Gebet abzustützen. All das sind Elemente, die bewirkten, daß der Herr den Glauben des Hauptmanns bewunderte. Gott durch die Heiligen und durch unsere Brüder und Schwestern zu bitten, mindert unser persönliches Gebet keineswegs, sondern stützt es. Es ist ein Akt der Demut denken wir oftmals daran und seien wir uns unserer Unwürdigkeit vor dem Herrn bewußt, der vorübergeht und zu uns kommt.
Wir sehen also, wie mächtig das Gebet der Demütigen ist, die ein unerschütterliches Vertrauen auf den Herrn haben. Wir verstehen hier auch, wie mächtig das fürbittende Gebet ist, durch das man ebenfalls zu Gott gelangt. Vor allem aber zählt das Gebet des Bittenden. Durch Fürsprecher zu beten stützt das Gebet, wie wir wissen. Der Hauptmann bittet Gott. Er hätte sich damit begnügen können, ihn unmittelbar zu bitten, aber in diesem Fall tut er es nicht. Er richtet sich natürlich an Gott, aber er geht dabei über die Ältesten, die Freunde, die ihrerseits alle Gott bitten. Es beten also mehrere für dasselbe: für die Heilung des Dieners. All das ist Gott wohlgefällig. Ein Beweis dafür ist, daß er die erbetene Gnade gewährt. Die Erhörung ist vollständig. Wir sollen über all das meditieren, um unseren Glauben an Gott und unsere Verehrung der Heiligen wachzuhalten. Vertrauen wir unsere Anliegen gegenseitig dem Herrn an. Mobilisieren wir die Kirche und die Heiligen des Himmels, damit der Herr unsere Gebete erhört, natürlich unter der Voraussetzung, daß sie mit seinem Willen übereinstimmen. Seien wir auch selber Fürsprecher. Der Hauptmann ist ebenfalls ein Fürsprecher. Er bittet für seinen Diener, der ihm lieb ist. Geben wir daher alles Gott hin. Beugen wir uns in Demut und Ehrfurcht. Bringen wir unsere Gaben, unsere Gebete in einem unerschöpflichen Glauben zum Herrn und überlassen wir uns stets seinem Willen, der nicht unbedingt auch unser Wille ist, der aber immer zu unserem Besten ist. Zehren wir von den Freuden des Jubiläumsjahres, von der außergewöhnlichen Gnade, die Gott uns in dieser Zeit geschenkt hat. Der Herr hört das Gebet seiner Kinder. Er hört unsere Gebete. Er ist uns ganz nahe. Er kommt zu uns, gehen wir ihm in der freudigen Erwartung seiner Wiederkunft entgegen. Komm, Herr Jesus!
Jacques Magnan
Anmerkungen:
1) Jesus bewunderte ihn (Lk 7, 9). Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Textes (Iesous ethaumasen auton). Hier drückt das Verb «bewundern» das Erstaunen des Herrn angesichts des großen Glaubens eines Nicht-Juden, eines Heiden aus. Dieser römische Hauptmann, sein Glaube an Jesus drückt bereits den Glauben der Kirche aus, die in sich alle Menschen auf der ganzen Welt, die an Christus glauben, versammelt (vgl. Mt 8, 5-10; 15, 28; Joh 4, 46-54). Jesus sagt, daß er nirgendwo einen solchen Glauben «gefunden» habe mit Ausnahme bei seiner Mutter Maria.
2) «Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund» heißt es in der Liturgie vor der Kommunion, wenn sich die Christen vorbereiten, den Leib Christi zu empfangen. Hier werden die Worte des Hauptmanns aufgenommen, denn man will seinem Beispiel folgen.
3) Zum Thema Fürsprache siehe Num 21, 7; Ijob 42, 10; Mt 5, 44; Kol 4, 3; 1Tim 2, 1; Jak 5, 16; Offb 6, 10; 8, 4.
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