Der Herr ist an diesem Ort

(Gen 28,16)

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Gottes Wort lehrt uns, daß das Wichtigste für den Menschen darin besteht, Gott zu lieben, seine Gegenwart aufzusuchen und für immer mit ihm und bei ihm zu sein.

Meditieren wir über einige wundervolle Abschnitte der Bibel.

Jakobs Traum (Gen 28, 10-22)

Im Buch Genesis wird uns von dem Traum berichtet, in dem Jakob eine Leiter sah, die zwischen Erde und Himmel war und auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen. In diesem «Offenbarungstraum» zeigt sich ihm Jahwe und enthüllt ihm, wer er ist: «Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks». Gott macht den ersten Schritt auf den Menschen zu. Er geht ihm entgegen — und das ist überall, zu jeder Zeit und bei jedem Menschen so. Der Herr erwartet uns wie der liebevollste Vater, der seine Kinder überaus liebt. Gott ist überall da und was er uns sagt, ist einfach: «Ich liebe euch und möchte euch mit meinen Gaben schon jetzt und in Ewigkeit überhäufen.»
Im Traum des Patriarchen Jakob schenkt Gott ihm das Land, in dem er lebt, und verheißt ihm eine Nachkommenschaft so zahlreich wie der Staub auf der Erde. Durch seine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Gottes Gabe ist materiell und spirituell. Zunächst sieht Jakob die Engel des Himmels, den Weg, der zum Himmel führt, und sein letztes Ziel: Gott. Dieser Gott seiner Väter macht ihm ein unschätzbares Geschenk: «Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.» Ja, Gott ergreift unablässig die Initiative, zu uns zu kommen. Die Worte, die an Jakob gerichtet wurden, richten sich an alle Menschen, die Gott auf die eine oder andere Weise treu suchen. Jeder Mensch besitzt eine innere und ahnungsvolle Kenntnis von Gott. Diese Kenntnis ist je nach Person mehr oder weniger groß, sie ist jedoch keine Garantie für die persönliche Heiligkeit. Je mehr ein Mensch aber entdeckt, wer Gott ist, desto größer wird seine Fähigkeit, sich ihm zu nähern und desto größer ist seine Möglichkeit, den Gipfel der Heiligkeit zu erreichen, zu der wir alle berufen sind. Hier auf Erden haben wir die Schritte zu machen, um Gott und seine Großtaten zu entdecken. Gott zu entdecken heißt zunächst, ihn von ganzem Herzen zu lieben. Die Herzensdinge haben Vorrang vor den Verstandesdingen. Nicht unser Verstand, sondern unser Herz ermöglicht uns zuerst, zu Gott zu gehen. Der Verstand nährt unser Wesen nur mit der göttlichen Lehre, damit unsere Herzen dem Herzen Gottes näher sind: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (vgl. Mt 4,4). Das Wort des Herrn zielt darauf ab, Heil zu schenken und uns näher zu sich zu ziehen, damit wir Heilige werden und auf ewig mit ihm im Himmel sind. Das Ziel dieses Wortes ist die Liebe.
Dann heißt es von dem Traum, daß Jakob Angst hat. Das ist berechtigt, angesichts der Unermeßlichkeit Gottes und seiner Werke. Hier geht es um etwas Wichtiges. Die Frucht der göttlichen Offenbarung ist hier eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes: die heilige Gottesfurcht. Sodann sagt Jakob: «Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.» Diesen Ausruf Jakobs sollten wir uns zu eigen machen, wenn wir eine Kirche, ein Oratorium, eine Kapelle, einen heiligen Ort betreten. Er bezeugt unsere Ehrfurcht vor Gott, den heiligen Dingen und den Gebeten, die zu ihm aufsteigen. Diese Gebete werden oft von Engeln getragen (vgl. Tob 12, 12-21), die im Himmel für uns eintreten. Und unsere Schutzengel, die hier auf der Erde bei uns sind, schauen unablässig das Angesicht des Vaters im Himmel (vgl. Mt 18, 10). So sieht auch Jakob, wie die Engel Gottes auf der Leiter auf- und niedersteigen. Sie sind Boten zwischen Erde und Himmel.
Nach seiner nächtlichen Vision ist Jakob von einem Gefühl der Frömmigkeil durchdrungen (eine weitere Gabe des Heiligen Geistes). Er steht früh am Morgen auf, um ein Steinmal aufzustellen und es mit Öl zu übergießen. Das ist ein Vorbild für uns. Alle Gläubigen sollten bei sich zuhause einen Ort haben, der dem Herrn geweiht ist. Wenn möglich, einen abgesonderten Ort, mit einem kleinen Altar, religiösen Gegenständen, die der Frömmigkeit dienen (Bibel, Ikonen, Statuen, Kreuz, Heiligenbildchen, usw…) und die Sammlung erleichtern. Es heißt, daß Jakob früh am Morgen aufgestanden ist. Das morgendliche Gebet ist sehr wichtig. Bevor wir unseren Tag beginnen, sollen wir ihn im Gebet tragen und ihn in die Hände des Herrn legen, damit er in seinem Frieden, in seiner Freude, in seiner Liebe verläuft. Nehmen wir uns immer ein Beispiel an unserm Meister, der noch lange bevor es Tag wurde, aufstand, um an einen einsamen Ort zu gehen und dort zu beten (vgl. Mk 1, 35). Oft verbrachte er sogar die ganze Nacht im Gebet zu Gott (vgl. Lk 6, 12), er, der Sohn Gottes.
Im weiteren Verlauf des Traumes sehen wir, daß Jakob Gott ein Gelübde macht. Dieses Gelübde besteht darin
— ihm treu zu sein: «Der Herr soll mein Gott sein»,
— ihm ein Steinmal, ein «Gotteshaus» zu errichten
— und ihm treu den zehnten Teil von allem zu geben.
Nach diesem Vorbild geht es auch für einen jeden von uns darum, dem Herrn treu zu sein, zu ihm zu beten und ihm in Liebe zu dienen, indem wir Werke der Frömmigkeit und der Liebe tun.

Die Gegenwart Gottes

Ein Abschnitt aus Jakobs Traum ist besonders zu unterstreichen; es ist die Stelle, an der er sagt: «Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wußte es nicht» (Gen 28, 16). Diese Worte zeigen zunächst folgendes: «Gott existiert und ich wußte es nicht» könnten viele sagen. Es geht hier um das plötzliche Bewußtwerden (oftmals vollzieht es sich allmählich) der Existenz Gottes. In einem Menschen wird der Glaube geboren und wächst heran. Dann kommt eine Frage — für jeden: Ist Gott überall, an bestimmten, bevorzugten Orten, nur im Himmel, usw…? Wo ist er wirklich? In der Bibel gibt Gott einer mehrtausendjährigen Tradition zufolge den Menschen ganz bestimmte Orte der Begegnung an. Das Zelt, in dem die Arche des Bundes aufbewahrt wurde, war ein solcher besonderer Ort der Begegnung zwischen Mose und Gott (vgl. Ex 26; 33, 7.17). Die Heiligtümer, die Altäre, der Tempel, Räume, der Berg, die Wüste, usw. sind Orte, die sich zum Beten eignen. Daher lädt Gott uns dort zur Begegnung ein1. Dort erwartet er uns, um uns zu offenbaren, wer er ist, um uns mit seinen Wohltaten zu erfüllen und uns zu sagen, daß er uns erwartet. Dem Herrn gefällt es, wenn wir Wallfahrten machen, um ihm besser zu begegnen, aber es gefällt ihm auch, wenn wir uns täglich bemühen, ihm zu begegnen und schon am Morgen in einem Winkel, der ihm geweiht ist, auf ihn zu hören.
Im Anschluß an das II. Vatikanische Konzil hat Papst Johannes Paul II. die christlichen Familien oft eingeladen, echte «Hauskirchen2», kleine Heiligtümer zu sein, in denen jede Familie im Glauben und im Gebet wachsen soll. Ja, es gibt Orte, wo Gott uns die Begegnung mit ihm schenkt, damit wir ihm unter guten Bedingungen begegnen. Und es gibt Orte, wo er uns sakramental erwartet. Der Tabernakel, der das Allerheiligste umschliesst, ist in vorzüglichstem Maße eine solcher Ort. Dort, vor dem Herrn müßten alle Gläubigen in unermeßlicher Ehrfurcht die Worte Jakobs sagen können: «Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wußte es nicht».
Wenn es stimmt, daß Gott uns an Orten erwartet, die dieser Begegnung mit ihm besonders gewidmet sind, so ist doch auch wahr, daß er überall gegenwärtig ist: «Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis» (Weish 1, 7).
Als Jesus von der samaritischen Frau gefragt wurde, an welchem Ort Gott gegenwärtig ist, antwortete er: «Die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden». Hier zeigt uns Jesus wieder, daß Gott den Menschen sucht und ihn auffordert, ihn überall anzubeten, zu lieben. Das ist die Grundlage des immerwährenden Gebetes: «betet allezeit» (Lk 18,1).
Der erste Ort aller Begegnungen mit dem Herrn ist das Herz. Zuerst muß man Gott im Herzen lieben und dann tragen wir ihn überallhin (vgl. Joh 14, 23), indem wir ein lebendiger Tempel des Heiligen Geistes werden, dem wir unser Sein verdanken (vgl. 1Kor 3, 17; 6, 19; 2Kor 6, 16). Als Glieder der Kirche haben wir die Gewißheit, daß dort, wo die wahren Anbeter sind, Gott gegenwärtig ist: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Mt 18, 20). «Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28, 20).
Ja, Gott ist in der Kirche. Er erfüllt sie mit seiner Gegenwart und Gott ist auch in jedem Menschen, der ihn aufnimmt und wir müssen alle Menschen als unsere Brüder und Schwestern sehen: «Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25, 40).
Jesus sagte zu Martha, die sich um vieles sorgte: «Nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden» (Lk 10, 42). Verlieren wir uns daher nicht in einer Vielzahl von Dingen dieser Welt, in Sorgen, die wir oft vermeiden können. Suchen wir das Wesentliche, mit großem Eifer. Setzen wir uns wie Maria zu Füßen des Herrn. Hören wir ihm zu, lieben wir ihn in aller Wahrheit. Sehen wir uns selbst im Richte Gottes. Gott sendet uns in dieser Zeit viele himmlische Botschaften. Was von Gott kommt, führt uns immer dazu, ihn mehr zu lieben und die Kirche mehr zu lieben. Die Kirche zu lieben heißt, sich um ihr Heil zu mühen, es heißt, sie näher zu ihrem göttlichen Bräutigam zu führen, der uns alle mit derselben Liebe liebt. Je heiliger wir sind, desto mehr sind wir mit dem Herrn vereint. Wir wollen bei allen Dingen die flüchtigen und vor allem die dauerhaften Früchte beachten. An die himmlischen Botschaften zu glauben schließt ein, auf das Wort Gottes zu hören, das der Grund unseres Glaubens ist. Wer Gott nicht hört, hört auch nicht die Botschaften, die er uns gibt (vgl. Lk 16, 31). Glücklich, wer auf das Wort Gottes, auf die Kirche und auf die Botschaften, die vom Himmel kommen, hört. Alles, was wir im geistlichen Bereich lesen, hören, soll uns dahin führen, ernsthaft zu wünschen, Gott im Gebet zu begegnen und ihm in Liebe demütig zu dienen. Das ist das Wesentliche unseres Leben hier auf Erden. Beten wir überall und gehen wir oft an heilige Orte, um dem Herrn zu begegnen, der auf uns wartet, um uns mit seinen Gaben und seinen unschätzbaren Wohltaten überreich zu beschenken.
Möge die heilige Jungfrau Maria, das vollkommene Vorbild, uns helfen zu beten und uns bereit machen, uns vertrauensvoll den Armen des allgegenwärtigen Herrn zu überlassen. Die Gnade des Guten Hirten unseres Lebens sei mit Ihnen allen!
Jacques Magnan

Anmerkungen:
1) Folgende Orte können wir als besondere Orte der Begegnung zwischen Gott und den Menschen festhalten: den Berg, Bäume, den Tempel, die Wüste, den Abendmahlssaal, die Synagogen, Kirchen, Häuser, Räume (vgl. Gen 18, 1f; Ex 3, 1f; Hos 2, 16; Apg 2, 2, usw.)
2) Siehe Familiaris consortio 49 usw.; II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 11.

HOCH

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