Bischof Georges-Habib Hafouri

Ephräm, der Syrer
Diakon und Kirchenlehrer

=> MARIA HEUTE 372 INHALT

Ich kenne in den Annalen der Heiligenbiographien keinen Heiligen, der so beredte Titel hat wie der hl. Ephräm: er ist der Prophet der Syrer, die Krone der syrisch-aramäischen Nationen, die Sonne der Schulen, Meister der Meister, Haupt der Lehrer, Fürst der Poeten, Brunnen der Wissenschaft, Hammer für die Häretiker, Vorbild der Eremiten, Schatzmine, Säule der Kirche, göttlicher Philosoph, Harfe des Heiligen Geistes…

Zu diesen flammenden Titeln fügte Papst Benedikt XV. (†1922) noch einen neuen hinzu, der alle anderen krönte. Am 5. Oktober 1920 veröffentlichte er eine Bulle, in der es heißt: «Es ist uns überaus wohlgefällig, der Krone des Eremiten Ephräm eine neue Lilie hinzuzufügen… Nach der Anrufung des Heiligen Geistes strömt unser Herz vor Freude über, wenn wir dem hl. Ephräm den Titel «Lehrer der gesamten Kirche» verleihen1.»
Zu betonen ist hier, daß unter den zahlreichen Kirchenlehrern nur Ephräm ein Diakon ist. Er blieb dies aus Demut bis ans Ende seiner Tage.

Das Leben des hl. Ephräm

Ephräm wurde um das Jahr 306 in Nisibe, einer Grenzstadt zwischen den beiden damaligen Reichen Persien und Byzanz, geboren. Die Historiker streiten über die Religion seiner Eltern. Die Mehrheit sagt von seiner in Amid (Diar Bekir in der heutigen Türkei) geborenen Mutter, daß sie Christin gewesen sei. Sein Vater, der in Nisibe geboren wurde, sei ein heidnischer Priester gewesen. Im Alter habe er den christlichen Glauben angenommen und erlitt gemeinsam mit seiner Frau unter der Herrschaft des Perserkönigs Schabur II. das Martyrium2.
Einige Hagiographen sagen, daß Ephräm mit ungefähr 18 Jahren die Taufe empfangen hat. Sein Vater warf ihn wegen seiner Verachtung der heidnischen Zauberreligion aus dem Haus. Der junge Mann fand Zuflucht beim hl. Jakobus, dem Bischof der Stadt. Der Bischof war von seiner Frömmigkeit und seiner lebhaften Intelligenz sehr beeindruckt und nahm ihn in seine Schule auf. Dort glänzte er durch seine hohe Sittlichkeit und seine schulischen Erfolge. Der hl. Jakobus nahm ihn anschließend in seine Dienste, ernannte ihn zum Lehrer und dann zum Direktor seiner berühmten Schule. Er weihte ihn zum Diakon und einigen Historikern zufolge nahm er ihn im Jahr 325 als Sekretär mit zum Konzil von Nicea. Eine Legende berichtet, daß er eine Begegnung mit dem Bischof von Cäsarea, Basilius dem Großen (329-379), hatte und daß er seinen Weg bis nach Ägypten fortsetzte, um dort eine Erfahrung des eremitischen Lebens zu machen.3
Nach dem Tod des hl. Jakobus lehrte Ephräm auch unter dem Episkopat der drei nachfolgenden Bischöfe: Babo (338-349), Walgache (349-361) und Abraham (361).
Als Kaiser Jovian im Jahr 359 Nisibe dem Perserkönig abtrat, verließ Ephräm seine Geburtsstadt und ging nach Edessa (dem heutigen türkischen Urfa). Alle Lehrer der Schule von Nisibe und die Mehrheit der angesehenen Persönlichkeiten folgten ihm. Er gründete die berühmte Schule von Edessa und lehrte dort auch während der letzten Jahre seines Lebens. Am 9. Juni 373 starb er. Über seinem Grab wurde ein Kloster erbaut. Nach der Kurdeninvasion von 1145 brachten die Kreuzritter seine Gebeine mit weiteren Reliquien nach Rom.

Der Heilige

Ephräm war ein großer Heiliger. Sein Bischof, der seine Frömmigkeit und seine Gelehrtheit bewunderte, wollte ihm die Priesterweihe erteilen. Ephräm hielt sich jedoch für unwürdig und da er nicht mehr wußte, wie er dem nachdrücklichen Wunsch seines Bischofs entkommen könnte, simulierte er, verrückt zu sein und bewirkte dadurch, sein Leben lang Diakon zu bleiben.
Er lebte in Edessa in einer Höhle, verbrachte seine Nächte mit Gebet und dem Studium der Heiligen Schriften. Tagsüber unterrichtete er und stellte sich in den Dienst der Nächsten. Sein Zeitgenosse, der hl. Gregor von Nyssa (355-394), hinterließ uns von ihm folgendes Porträt: «Ephräm ist ein Nacheiferer der ersten Apostel; er kann allen Mönchen und Eremiten als Vorbild dienen. Er lebte ohne Tasche, ohne Stock und hatte weder Silber noch Gold. Seine Nahrung war Haferbrot und Gemüse, sein Getränk bestand aus bloßem Wasser. Sein Leib glich einem Skelett aus Ton.» Wenngleich er von der Welt gelöst war, lebte er doch im Dienst der Leidenden in dieser Welt. Nach dem Beispiel des Meisters verband er das aktive mit dem kontemplativen Leben. Eine furchtbare Epidemie suchte die Stadt Edessa heim. Sofort verließ Ephräm seine Eremitage und seine Bücher, pflegte die Kranken, tröstete die Betrübten und erflehte für sie Hilfe und Almosen.4
Unmittelbar vor seinem Tod bat Ephräm seine Schüler und Freunde, für ihn zu beten, ihn ohne irgendwelche Feierlichkeiten unverzüglich zu begraben, seinen Leib mit seinem einzigen Mönchshabit zu bekleiden, ihn nicht unter einen Altar zu legen, weil er ein Sünder sei und ihn auf dem Friedhof für Fremde zu begraben, weil er wie sie fremd sei…

Der Kirchenlehrer

In einer seiner Hymnen5 erzählt Ephräm, daß er, als er noch ganz klein war, in einem [nächtlichen] Gesicht sah, wie ihm ein Weinstock aus dem Mund kam; an seinen Zweigen waren viele Trauben und es sah so aus, als würden sie die ganze Erde bedecken. Vogelschwärme kamen und ließen sich die Beeren schmekken, die immer wieder nachwuchsen, sobald die Vögel sie aufpickten. War es ein Traum oder eine Vision? Nun, die Schriften des hl. Ephräm ähneln, was ihre Zahl betrifft, einem Meer, dessen Ufer man kaum erkennen kann. Urtez von Urban, ein gelehrter Jesuit, der sich besonders in syrischer Literatur auskennt, zögert nicht, zu schreiben: «Wir halten das Zeugnis des griechischen Historikers Sosimus (†423) nicht für übertrieben: er schrieb, daß Ephräm ungefähr drei Millionen Verse verfaßte…6.» Und Photius, der Patriarch von Konstantinopel (858-886) sagte, daß Ephräm neben seinen Hymnen und Liedern mehr als tausend Reden und Predigten hinterlassen hat7.

Der Exeget

Der syrischen Pschitto8 zufolge kommentierte er die Bücher Genesis, Exodus, Josua, Richter, Samuel, Könige, Chronik und Ijob. Er legte die Evangelien in der Fassung des Diatessaron9 von Tatian aus dem Jahr 172 aus und anschließend die Briefe des heiligen Paulus sowie die Apostelgeschichte.

Der Theologe

Er verfaßte 56 Hymnen gegen die Häretiker, 87 über den Glauben, 4 gegen Kaiser Julian, den Apostaten, 15 über das Paradies, eine Lehrabhandlung über Jesus Christus, eine weitere über den Prolog des Johannesevangeliums, 52 Hymnen über die Mysterien Christi und über die Jungfräulichkeit, 52 über die Kirche, 2 über die Eitelkeit der Welt, 1 über den Brief an die Eremiten von Edessa, Abhandlungen über die Predigt des Jonas in Ninive und über die Buße.

Der Liturgiker und der Historiker

Es gibt 16 Hymnen über die Geburt Christi und über Epiphanie, 8 über die Fastenzeit und die Auferstehung, 21 über das ungesäuerte Brot, 12 über die Märtyrer und die Bekenner, 15 alphabetische Hymnen über seinen Meister im eremitischen Leben, Abraham Al Kaydouni, 24 über den hl. Julian, 1 über die Makkabäer, 1 Abhandlung über den Regen, 77 Hymnen «De Nisibena» über die Kriege der Nisibener gegen die Perser und die Nachfolger des hl. Bischofs Jakobus.

Der Polemiker und der Apologet

Vor Ephräm hatte ein Dichter namens Bardeisan (154-222) die Menschen durch seichte und häretische Lieder in Bann gezogen. Um ihn zu bekämpfen, verwandte Ephräm dieselben Waffen: er behielt die Melodien bei, änderte aber die Worte. Er gründete Choralscholen mit Jungen und Mädchen, um die rechte Lehre besser zu verbreiten. Diese mutige Erfindung faßte dann sowohl im Osten wie im Westen Fuß10. Papst Benedikt XV. sagte darüber: «Wir können bestätigen, daß die Choräle und die Rhythmen der liturgischen Gesänge auf Ephräm zurückgehen. Der hl. Johannes Chrysostomus (†749) «borgte» sie und führte sie in Konstantinopel ein; der hl. Ambrosius (†337) brachte sie nach Mailand, von wo aus sie sich in ganz Italien verbreiteten. Unter dem Pontifikat von Gregor dem Großen (†604) erreichte diese Methode ihren Höhepunkt. Spezialisten zufolge steht das Hauptverdienst dem hl. Ephräm zu, der die Kunst der Kirchenmusik schuf, die anschließend von den griechischen und lateinischen Vätern «adoptiert» wurde…»

Dichter und Sänger der Jungfrau Maria

Papst Benedikt XV. sagte: «Niemand, auch nicht der beredteste aller Menschen, vermag die glühende Liebe zu beschreiben, die Ephräm für die Muttergottes hegte.» Noch lange vor allen Vätern, Kirchenlehrern und Konzilien sagte er im Gespräch mit Jesus: «Du, Jesus, und deine Mutter, ihr habt höchste Schönheit; an dir gibt es keine Befleckung und an deiner Mutter ebenfalls nicht.» Über die immerwährende Jungfräulichkeit der Muttergottes schrieb er: «Maria hat den Emmanuel, Jesus, geboren und nach dieser Geburt bekam sie kein weiteres Kind.» Ihre Gottesmutterschaft besingt er mit einer donnergleichen Stimme: «Meine Knochen rufen noch aus dem Grab heraus, daß Maria die Mutter Gottes ist11.»

Fassen wir zusammen: Seit dem Tod des hl. Ephräm sind mehr als 1600 Jahre vergangen und das Echo seiner Hymnen und Gebete ertönt noch immer unter den Gewölben der syrischen, maronitischen, chaldäischen, armenischen, koptischen, indischen, abessinischen, griechischen und lateinischen Kirchen, ja sogar bis hin zu der slawischen und russischen Kirche. Bereits zu seinen Lebzeiten wurden seine Schriften in verschiedene Sprachen übersetzt und sie fanden solchen Anklang, daß viele andere Schriften ihm ebenfalls zugeschrieben wurden, um dadurch größere literarische oder spirituelle Berühmtheit zu erlangen. Dem hl. Hieronymus (†420) zufolge, der ein Zeitgenosse Ephräms war, las man seine Schriften in vielen Kirchen im Anschluß an die Lesung der Texte aus der Heiligen Schrift12.
Im 5. Jahrhundert ging die Begeisterung mancher so weit, daß sie die Texte des Evangeliums löschten, um an deren Stelle die Hymnen des hl. Ephräm zu schreiben. Dieses kostbare Manuskript wird unter dem Titel «Codex Ephräm» in der Bibliothek zu Paris aufbewahrt13. Auf dem Berg Athos, der griechisch-orthodoxen Zitadelle des zönobitischen Lebens, befinden sich zwei wertvolle Bilder des hl. Ephräm14.
Ephräm sah alle Dinge im Licht der Bibel. Die Heilige Schrift war für ihn die Quelle, aus der er seine Ideen schöpfte. Jedes Ereignis, Bild, Wort, jede Tat, Apologie und alle Vergleiche aus der Schrift waren immer in seinem Gedächtnis präsent, um in jedem Augenblick davon Zeugnis abzulegen. «Alle Väter und Lehrer der Kirche wie Basilius der Große, Hieronymus, Chrysostomus, bis hin zu Franz von Sales (†1622) und Alfons von Liguori (†1777) haben das Wissen und die Tugenden des hl. Ephräm bewundert», sagte Benedikt XV15.
Mit dem folgenden, schönen Gebet des hl. Ephräm, das uns der russische Gelehrte Destowiski in seinen Vorlesungen an der Universität des Heiligen Geistes in Kaslik (Jounieh, Libanon) zum 1600. Todestag unseres Heiligen überliefert hat, wollen wir schließen. Destowiski sagte, daß die einfachsten russischen Christen es auswendig können und täglich beten. Hier also der Text dieses Gebetes:
Herr, Meister meines Lebens, befreie mich von Zorn, Kritik und Murren, von ungesunder Neugier, von Ehrgeiz und leichtfertigen Gesprächen. Gewähre mir den Geist der Einfachheit, der Demut, der Geduld und der Nächstenliebe. Schenke mir, ich flehe dich an, meine Fehler und Verirrungen zu erkennen und meine Brüder nicht zu verurteilen. Sei ewig gepriesen, mein Herr und mein Gott. Amen.
Msgr. Georges Habib Hafouri,
emeritierter syrisch-katholischer Erzbischof von Hassake (Syrien)

Anmerkungen:
1) Isaac Amalé: Saint Ephrem le Syrien, Beirut, 1952
2) Albert Abouna: La littérature de langue araméenne. Imp. Starko, Beirut, Libanon 1971, S. 77.
3) L’Orient Syrien, Paris, Nr. 2, 1957, S. 261-285 und Nr. 3 1958, S. 73.
4) Diese revolutionäre Geste wurde 1600 Jahre später durch das II. Vatikanische Konzil wieder aufgegriffen: vgl. die Konstitution «Die Kirche in der Welt von heute» und das Dekret «Dienst und Leben der Priester», usw.
5) Der Hymnus ist ein religiöses Gedicht, das in Strophen aufgeteilt ist und Gott verherrlicht.
6) Urtez de Urban S.J., Patrologia Syriaca, Rom 1958.
7) Ephrem Barsom, syrisch-orthodoxer Patriarch: Histoire des sciences et de la Littérature Syriaques. Aleppo 1956, S. 248.
8) Pschitto: Syrischer Text der Heiligen Schrift aus dem 4. Jahrhundert.
9) Diatessaron = die vier Evangelien in vereinigter Fassung
10) P. Paul Bijan: Vie des martyrs et des saints orientaux. 1982.
11) Vgl. meine Artikel in Stella Maris, Nr. 235-240, im Jahr 1989
12) Hl. Hieronymus. De Scriptoribus Ekklesiasticis. Migne PL XXIII, 746-747.
13) Isaac Amalé, o.c.; Beirut, 1952
14) P. Methodias Zherati: Tableaux d’Histoire de l’Eglise, 2. Teil, S. 59-61. Aleppo 1963.
15) Amalé, o.c.

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