Bernard Balayn

Maria im Leben des Papstes

=> MARIA HEUTE 370 INHALT

Spricht man von der Beziehung zwischen Maria und dem Heiligen Vater, so entdeckt man einen Ozean: der Blick umfängt die Unermeßlichkeit und nicht die Grenzen oder die Tiefe, denn man muß mit dem Geheimnis rechnen, das in jedem Bund wie ein Siegel ist: hier zwischen dem zerbrechlichen «weißen Boot» und der großen, ruhigen blauen Woge, die es immer mehr ins Weite trägt… Der Mann in weiß trägt den Fischerring am Finger und sein Netz durchzieht seit 22 Jahren die Fluten, um die «Ernte», mit der er beauftragt ist, einzubringen…
Man kann den Papst und Maria nicht von einander trennen und man kann auch nicht denken, daß Maria ihn im «verborgenen» Teil seines Lebens (1920-1978) weniger stützte als in jenem Teil seines Lebens, der offen vor der Welt liegt. Sein Pontifikat läßt sich nur verstehen, wenn man die Gegenwart und das Wirken Unserer Lieben Frau seit der Geburt von Karol Wojtyla einräumt.

1. «Er wurde von mir herangebildet» (1920-1978)

Maria nimmt Karol unter ihren Mantel

Karol wurde im Mai (1920) — im Marienmonat — geboren und wuchs in den Ereignissen, die ihm von der Vorsehung beschieden waren, und die seine erste Wegstrecke markieren, unter dem beständigen Blick Mariens auf.
Dies war vor allem seit dem Tod seiner Mutter (1929) und dem seines Bruders (1932) der Fall.
Seitdem ruhte alles auf seinem Vater, einem sehr frommen Mann, der ihn oft zu verschiedenen Marienheiligtümern mitnahm, wie zum Beispiel nach Kalwaria Zebrzydowska. Karol dachte immer wieder daran und kehrte oft dorthin zurück. Von seiner frühesten Jugend an besuchte er in Wadowice die Kirche, in der er getauft worden war. Sie war der Darstellung der Muttergottes im Tempel geweiht. Täglich betrachtete er dort mit Liebe das Gemälde Unserer Lieben Frau von der immerwährenden Hilfe…
Schon in seinen ersten Gedichten: «Auf deinem weißen Mantel» (an seine Mutter) und «Magnifikat» zeigt er bereits seinen Schmerz und seine Hoffnung. Er zeigt, wie sehr ihn der Verlust seiner geliebten Mutter in die Arme der himmlischen Mutter getrieben hat.
Zugleich ist er, dank der Karmelklöster in seiner Stadt und später in Krakau, von der karmelitischen Spiritualität geprägt. Seit seinem zehnten Lebensjahr trägt er das Skapulier. Unter dem Einfluß des guten Pater Zacher gründet und leitet er drei Jahre lang die örtliche «Marianische Kongregation» für die Jugendlichen (er selbst ist damals erst dreizehn Jahre alt).

Das Wachstum seines marianischen Lebens

Nachdem er 1938 zum Studium nach Krakau gezogen war, beginnt die Zeit seiner eigentlichen marianischen Prägung, sowie die Zeit seines Schutzes vor den nationalsozialistischen Besatzern. Zunächst war es eine «empirische» Prägung, die auf die Prägung durch seinen Vater (er starb 1941) dank eines genialen Freundes folgte: Jan Tyranowski zeigte ihm den Weg des marianischen und des christozentrischen Gebetes anhand von Studien der überragenden Karmelgrößen: Johannes vom Kreuz und Theresa von Avila. Diese Mystiker eröffneten ihm den Horizont ungeahnter Gnaden. Hier schöpfte er die Überzeugung, daß er als Waise von nun an Maria angehört. In seiner Pfarrei nimmt er beispielsweise am «lebendigen Rosenkranz», einer Lebensschule mit Jesus und Maria teil. Er sucht dort die Fülle des inneren Lebens, die Gemeinschaft mit Gott. Diese Überzeugung festigt sich während seiner Jahre an der Universität immer mehr. In jener Zeit brach er zu einer Wallfahrt zum berühmten Marienheiligtum von Tschenstochau auf, um der schwarzen Muttergottes seine ganze Zukunft anzuvertrauen. Am 23. Mai 1943 fuhr er unter den furchtbaren Besatzern im Geheimen wieder dorthin. Die Muttergottes beschützte ihn während dieser Periode, die auch für ihn sehr schwierig war.

Beschützt durch Unsere Liebe Frau

Anschließend folgte eine eher doktrinäre Ausbildung. Er ist Seminarist geworden und zugleich Arbeiter, um unterzutauchen und zu überleben; er studiert geistliche und philosophische Autoren. Bei den geistlichen Autoren begeistert er sich für ein Buch, das ihn für immer prägen wird: die «Abhandlung über die wahre Verehrung der Muttergottes» des hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort. Dort entdeckt er die Achse seines Lebens: die Weihe an Gott durch Maria. Tag und Nacht meditiert er daraufhin lange über die Bedeutung der vollkommenen Sohnschaft gegenüber Maria. Da er die Gedanken von Montfort ganz und gar teilt, ist es für ihn nur natürlich, sich ganz der Mutter Gottes hinzugeben und ihr Diener zu sein.
Diese vollständige Hingabe «zwingt» Maria, ihn in der Gegenwart und der Zukunft bei den verschiedensten Anlässen und tödlichen Anschlägen zu beschützen (…). Dieser Schutz bindet ihn noch mehr an sie. Später schrieb er: «In einer vollkommenen Hingabe an Maria, die Montfort als ein «Sklave sein» beschreibt, ist es wichtig, Maria gut zu kennen, sich ihr in Gedanken, im Willen und im Herzen auszuliefern, damit der Getaufte in vollendeter Weise nach dem Abbild Christi geformt wird.» Dieses Buch von Grignion de Montfort wurde zu seinem Lieblingsbuch; er meditierte während seiner Gebetszeit darüber und sprach mit den Studenten in Krakau davon.

Seine Weihe an Maria. Die ersten Früchte.

Am 1. November 1946 weihte er sich in seinem Priesterherzen Unserer Lieben Frau. Wie der Apostel Johannes nahm er sie zu sich und seine Liebe zu ihr wurde immer größer. Später sagte er zu seinen Priestern: «Das Priestertum Christi führt uns dazu, Maria wiederzuentdecken; unsere Beziehung zu ihr bildet sich auf eine ganz neue Weise — in größerer Tiefe und Fülle. Diese Beziehung wird wesentlicher, theologischer.»
1958 nahm er die Muttergottes in «offiziellerer» Weise als Mutter seines vollen Priestertums auf, nachdem Pius XII. ihn zum Bischof ernennt. Das Wappen, das er wählt, symbolisiert sowohl seine Vergangenheit und seine Zukunft, sowie die zweifache Achse seines Lebens: das Kreuz und unter einem Arm des Kreuzes das M von Maria. Als Wahlspruch nahm er ein Wort des hl. Bonaventura, das Montfort aufgegriffen hatte: «Totus Tuus ego sum et omnia mea Tua sunt. Accipio Te in mea omnia. Proebe mihi cor Tuum, Maria»: «Ich bin ganz dein und alles, was mein ist, ist dein. Ich nehme dich in allem, was mein ist, auf. Schenke mir dein Herz, Maria.»
Von da an ist Maria noch mehr als zuvor integraler Bestandteil seines Lebens, so daß alles, was er für seinen Meister unternimmt, von ihr unterstützt wird. Überall, wo er spricht, geht sie ihm auf seinem Weg voraus. Sie stellt eine Vielzahl von Menschen, die gerettet werden sollen, auf seinen Weg. Denn Karol weiß, daß Maria nicht nur in besonderer Weise die Mutter der Priester, sondern die Mutter aller Menschen und die Mutter der Kirche ist. Sie ist daher seine wertvollste Stütze.
Mehr als je zuvor vertraut er Maria sein aufreibendes Amt an, aber auch die jungen Menschen, um die er sich kümmert, die Familien, die aus ihnen hervorgehen. Er stellt Maria als vollendetes Vorbild an Heiligkeit dar, als Beschützerin der Familien und des Lebens… Er bezeichnet sie vor seinen Priestern als geistliche Mutter. Er leitet Marienwallfahrten von Kalwaria bis Jasna Gora.
Unterdessen ist das Leben der Kirche in der Welt, aber auch in Polen, an einem Wendepunkt angelangt. Nachdem Karol am Konzil teilgenommen hat, stellen seine Reden und Veröffentlichungen die Lehre des Konzils — und besonders die letzten Kapitel der Konstitution Lumen Gentium — über die Muttergottes heraus: Maria nimmt am Werk Christi teil…, in einer Weise, daß wir Christus nicht nur durch Maria entdecken, sondern auch Maria durch Christus».
In Polen nimmt er mit einer bewundernswerten Weihe an die Muttergottes aktiv an den Feierlichkeiten der Tausendjahrfeier der Taufe der Nation teil (966-1966); sie wurde durch eine neunjährige Novene, die in Krakau (dort wurde er 1967 Kardinal) zu Ende ging, vorbereitet.
Er reist immer öfter ins Ausland und kommt auch nach Lourdes, wo man ihn beim Beten in der Krypta der Hauptkirche überrascht: er kniet auf dem Steinboden und ist mehrere Stunden lang in Anbetung vor dem Allerheiligsten versunken. Ohne es zu wissen, bereitet er sich auf die große Begegnung vor, die der Herr ihm für seine Kirche festgesetzt hat.

II. «Dieser Papst ist das Meisterwerk meiner besonderen Liebe» (1978-2000)

Maria führt den Papst zur weltumspannenden Weihe

Mit der Wahl von Karol Wojtyla zum Papst sieht die ganze Welt, wie sich seine Devise ausbreitet und zu einer beständigen Einladung geworden ist, sich der Muttergottes zu weihen, um den satanischen Plan der Zerstörung der Welt zu durchkreuzen.
Johannes Paul II. ist das Beispiel: er läßt sich stets von Maria leiten.
Seine marianische Frömmigkeit frappiert die Menschenscharen: von Divino Amore bis Pompei, von Guadalupe bis Vilnus, von Knock bis Tschenstochau, von Einsiedeln bis Yamoussoukro: überall besucht er die Marienheiligtümer und weiht dort Länder und Kontinente.
Am 3. März 1979 beginnt er in Rom an jedem ersten Samstag im Monat den Rosenkranz öffentlich zu beten. Als er 1983 wieder nach Lourdes kommt, betet er ihn ausnahmsweise auf französisch. Er empfängt keinen einzigen Besucher, dem er nicht einen Rosenkranz schenkt. Er beendet keine Predigt und kein Kolloquium, ohne sich auf die Muttergottes zu beziehen.
Aber Maria will noch weiter gehen. Sie ist nun die «Frau, die es eilig hat». Sie wartet noch immer auf eine Antwort auf die Botschaft von 1917, die nach dem zweiten Weltkrieg ein wenig in Vergessenheit geriet. Um diesen Prozeß zu beschleunigen, erlaubte Gott das Attentat von 1981 und Maria erwirkte, daß «ihr» Papst wieder einmal gerettet wurde, der «Papst ihres Schmerzes und ihrer Liebe».
So nimmt sie ihn «bei der Hand», um ihn zur großen Weihe der Kirche, der Welt, Rußlands und Roms (1981 und 1984) in Fatima (1982 und 1991) zu führen.

Die großen Stunden der Frau vom Rosenkranz

«Der weißgekleidete Bischof» kommt also dreimal an die Cova da Iria; er findet dort Freude, Liebe und Trost; es ist der Ort, an dem man den Papst am meisten auf der Welt liebt. Zweimal empfängt er die Statue der Carelinha in Rom (1984 und Oktober 2000, zur Jubiläumsfeier der Bischöfe). Die Kugel von seinem Attentat hat er als Exvoto der Krone dieser Statue vermacht.
In der Zwischenzeit verkündet er für das Jahr 1987/1988 ein Marianisches Jahr, nachdem er in Lourdes sagte, daß wir nun durch die Feier des zweitausendsten Geburtstages von Maria in den Advent des dritten Jahrtausends eingetreten seien. Am Ende dieses Marianischen Jahres verkündet er am 15. August im Petersdom: «Der Drache ist nicht stärker als die Schönheit» (Maria).
Als Orgelpunkt veröffentlicht er am 25. März 1987 die wundervolle Enzyklika Redemptoris Mater.
Nachdem das Unbefleckte Herz Mariens so viel Verehrung empfangen hat, ist Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz von der Liebe eines solchen Sohnes so sehr gerührt, daß sie ihm den Zusammenbruch des atheistischen Systems im Osten und dessen Rückkehr zur Freiheit und zum Glauben gewährt. Damit zeigt sie, wie machtvoll die in ihrem Geist vollzogene Weihe ist, wie es bereits Grignion de Montfort prophetisch gesagt hatte…

Die «Apostel der letzten Zeiten»

Das grundlegende Dokument von Johannes Paul II. über die Muttergottes bezeugt also in jeder Zeile die Inspiration durch Montfort, die ihm in seiner Jugend so wertvoll war, aber auch seine theologische Bildung. Es läßt den Triumph Marias über den Satan erahnen, der von der Genesis bis hin zur Geheimen Offenbarung des Johannes und von Montfort bis Fatima reicht…
Montfort spricht mit Kraft und Gewißheit von den «Aposteln der letzten Zeiten», die von der Muttergottes zu einer großen Heiligkeit geführt werden; sie schreiten inmitten von Schwierigkeiten und Verfolgungen voran — das Kreuz in der einen Hand und den Rosenkranz in der anderen. Durch ihre Weihe, die sie vor Gott und der Welt leben, werden sie zu Ausführenden jener Neuevangelisierung, die 1916 bei schlichten Hirten begonnen hat3. Sie lösen das neue Pfingsten aus, das Marthe Robin vorhergesagt hat und sie bewirken die Zivilisation der Liebe, die von den letzten Päpsten prophezeit wurde. Und wer ist der Prototyp, der Anführer, der Koordinator dieser Eliteseelen, des «neuen Israel»? Es ist jener, von dem Maria im 3. Geheimnis von Fatima gesprochen hat; es ist jener, der sein Kalvaria inmitten der Märtyrer des zwanzigsten Jahrhunderts lebt, «betrübt durch Leiden und Schmerzen»; er opfert sich als erster — in der Nachfolge Jesu und Mariens — für das Heil seiner Brüder und zeigt ihnen durch das Kreuz den Weg ihrer Auferstehung.
Das ist dieser außergewöhnliche Mensch, dessen beide Lebensabschnitte, die scheinbar so verschieden, in Wirklichkeit aber so komplementär sind, durch die milde und mütterliche Anwesenheit Unserer Lieben Frau vereint werden, so daß man keine Zäsur erkennen kann, da Maria ihren Papst durch all ihre Interventionen zur Zeit des «verborgenen» Lebens von Karol Wojtyla in Hinblick auf sein Pontifikat vorbereitet hat.
Ein Pontifikat, das im Dienst eines einzigen Vorhabens steht, so als habe der Papst als Paralleldevise: «Ad Jesum per Mariam».
So hat Johannes Paul II. als äußerst gelehriger Sohn die drei Geheimnisse des Rosenkranzes gelebt: die Freude der Anfänge, den Schmerz der Prüfungen bis hin zur Herrlichkeit, die ihn erwartet und von der das Jubiläumsjahr mit seinen wundervollen Etappen eine Vorwegnahme ist. Er beginnt nun, den Lohn der Gerechten zu empfangen, der ihm in seiner ganzen Fülle aber erst an der Schwelle des himmlischen Jerusalem zuteil wird, wenn für Gott der Augenblick gekommen ist, an dem Er es Maria überlassen wird, ihm die Krone zu überreichen.
Bernard Balayn

N.B. Der Leser wird verstehen, daß es unmöglich ist, ein solches Thema mit so wenigen Zeilen zu behandeln. Wir mußten uns auf einige wesentliche Aspekte beschränken. Bald wird es aber ausführlicher sein…

Anmerkungen:
1) Botschaft von Maria an Don Gobbi vom 13.8.1987
2) Idem
3) Siehe unser Buch: «Les bergers de l’aurore».

HOCH

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